Die SPD steht bei Deutsch-Türken hoch im Kurs (Foto: imago/Montage: t-online.de)
Käme es nur auf die Deutsch-Türken an, bräuchten sich die Sozialdemokraten um ihre politische Zukunft keine Sorgen machen. Eine absolute Mehrheit von 55,5 Prozent würde die SPD wählen, hat eine aktuelle Umfrage ergeben, die erstmals versucht hat, die Wahlabsichten türkischer Migranten repräsentativ zu erheben.
Welche Partei würden die Deutsch-Türken wählen? (Quelle: statista.org/Data 4U)Auch die Grünen scheiden mit über 23 Prozent deutlich besser ab als bei allen Wahlberechtigten in Deutschland. Weit abgeschlagen ist dagegen das bürgerliche Lager: Die Union erreicht etwas mehr als zehn Prozent, die FDP gar nur 0,9 Prozent. Als einzige Partei liegen die Linken mit 9,4 Prozent bei den Deutsch-Türken so in etwa im bundesdeutschen Schnitt.
Erhoben wurden die Daten von dem Berliner Institut "Data 4U", das Markt- und Meinungsforschung in ethnisch orientierten Zielgruppen betreibt. Die Mitarbeiter befragten Anfang März per Telefon genau 2999 zufällig ausgewählte Deutsch-Türken, die älter als 18 Jahre alt sind. Davon besaßen etwa ein Drittel die deutsche Staatsbürgerschaft. Rund 70 Prozent der Befragten würden wählen gehen.
Das ist - im Vergleich zu Meinungsumfragen in der Gesamtbevölkerung - eine große Stichprobe, die eine ziemlich hohe Repräsentativität vermuten lässt. Für das Politbarometer werden beispielsweise monatlich 1300 Menschen befragt, die für gut 64 Millionen Wahlberechtigte in Deutschland stehen. Insgesamt leben in Deutschland knapp drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, davon sind etwa zwei Millionen älter als 18 Jahre alt. Von diesen erwachsenen Deutsch-Türken wiederum besitzen etwa 690.000 das Wahlrecht für Deutschland.
Angesicht von insgesamt 64 Millionen Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl scheint das auf den ersten Blick keine allzu wichtige Gruppe zu sein. Aber: Die Anzahl der Türken mit deutschem Pass steigt ständig. Und bereits bei der Bundestagswahl 2002 mit ihrem äußerst knappen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber könnten die Deutsch-Türken, wie die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung in einer internen Studie analysiert hat, das Zünglein an der Waage zugunsten der SPD gespielt haben. Die Sozialdemokraten erhielten damals genau 6027 Zweitstimmen mehr als CDU und CSU zusammen - bei 48 Millionen gültigen Stimmabgaben.
In der Klemme
Nicht umsonst hatte also 2002 SPD-Kandidat Schröder die türkische Zeitung "Hürriyet" vor seinen Wahlkampf-Karren gespannt. Sein Nachfolger Frank-Walter Steinmeier dürfte dasselbe versuchen. Die Union wäre also gut beraten, sich Gedanken zu machen. Dabei steckt sie allerdings in einer Klemme: Je mehr sie sich der Integrationspolitik öffnet, um eingebürgerte Türken für sich zu gewinnen, desto mehr fürchtet sie, bei ihren nationalkonservativen Stammwählern zu verlieren.
Eigentlich konservativ
Dabei ist die deutsch-türkische Bevölkerungsgruppe in ihrer Mehrheit mitnichten linksgerichtet, sondern gilt im Gegenteil eher als struktur-konservativ. Würden die Deutsch-Türken in ihrem Herkunftsland wählen, würde die konservative AKP wahrscheinlich viel mehr davon profitieren als die dortigen Sozialdemokraten.
Es geht um praktische Dinge
In Deutschland aber geht es den türkischen Migranten in der Regel nicht um grundsätzliche gesellschaftspolitische Fragen, sondern um ganz praktische Dinge: Einer Partei, die das Nachzugsalter heraufsetzt und so die Familienzusammenführung erschwert, werden sie nicht ihre Stimme geben, erklärt Migrationsforscher Dirk Halm vom Essener Zentrum für Türkeistudien. Darüber hinaus führt Halm auch die Sozialisation vieler Türken ins Feld: Sie kamen oft als Arbeiter nach Deutschland - die Nähe zu Gewerkschaften und darüber hinaus zur SPD ist dann nicht überraschend.
Wie verlässlich?
Überhaupt überrascht das Ergebnis der aktuellen Umfrage Migrationsforscher Halm nicht: Sie passt ins Bild, das sich Experten schon früher über die politische Ausrichtung von Türken in Deutschland gemacht haben. Allerdings bleibt die Frage unbeantwortet, ob die Deutsch-Türken bei der Wahl dann tatsächlich auch da ihr Kreuzchen machen, wo sie es der Umfrage zufolge setzen wollten. Bei bekannten Erhebungen zum Beispiel von Emnid oder Allensbach, die für die Gesamtbevölkerung gelten, können die Forscher ihre Umfrageergebnisse mit den tatsächlichen Ausgängen am Wahlabend vergleichen und so ermessen, wie verlässlich sie sind. Der "Data 4U"-Umfrage fehlen dagegen diese Erfahrungswerte als Bezug. Soll heißen: Die SPD kann sich nicht wirklich darauf verlassen, dass sie im September tatsächlich die prognostizierten 270.000 Stimmen aus dem Lager türkischer Migranten bekommt.
Welchen Kanzler würden die Deutsch-Türken wählen? (Quelle: statista.org/Data 4U)
Özdemir for President
Übrigens: Dürften die Deutsch-Türken den Kanzler direkt wählen, könnte sich Grünen-Chef Cem Özdemir die besten Chancen ausrechnen. Gut 25,1 Prozent würden ihm ihre Stimme geben. SPD-Spitzenkandidat Steinmeier erreicht immerhin gut 20 Prozent, die amtierende Kanzlerin Angela Merkel nur 7,5 Prozent.